Artikel - Ausgabe 54(12/2009)   Inhalt 

Rieselfeld - ein reifes Feld

Welchen Stadtteil wollen wir nach unserem Lebensmittelpunkt?

Gerne alt werden im Rieselfeld? Warum diese Frage jetzt, ist der Stadtteil mit 35 Prozent Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren doch der jüngste in Freiburg (mit Vauban)? Aber wenn es viele Kinder gibt, gibt es auch viele Stadtteilbewohner die jetzt in der Elternphase sind. Derzeit leben rund 460 Menschen im Stadtteil, die älter als 65 Jahre sind; in den nächsten 15 Jahren wird sich diese Zahl vervierfachen, auf mehr als 2000. Dieses gemeinsame Altern, wie es sich im Rieselfeld durch die besondere Situation des Neubaustadtteils darstellt, ist ein Prozess, der den Beteiligten selbst erst mal gar nicht auffallen muss, da die Wahrnehmung des eigenen Älterwerdens auch unterschiedlich, persönlich verläuft. Fällt einem das eigene Alter(n) auf, kann es für weitreichende Veränderungen schon mal zu spät sein. Daher ist es sinnvoll, Überlegungen schon in „mittleren“ Jahren an zu stellen, persönlich wie auch im Gemeinwesen.
Markante Bevölkerungsveränderungen stellen Städte und Stadtteile - aber auch soziale Vereine wie den K.I.O.S.K. e.V. - vor große Herausforderungen. Neben generationengerechtem Wohnen werden vor allem stadtteilnahe Dienstleistungen, Beratungen und soziale Netze erforderlich sein. Gebraucht werden nicht nur mehr Maßnahmen zur Gesundheitsförderung, zur Sicherung von Pflege und Erhaltung von Mobilität, sondern auch andere, über das bloße Abstellen von Mängeln hinausgehende Weichenstellungen im Stadtteil. Ziel ist ein möglichst langer selbständiger Verbleib der älteren Menschen in vertrauter Umgebung. Was die Menschen selber dazu beitragen können, wie ein Stadtteil mit seinen Netzwerken und Ressourcen vorsorgend und nachhaltig Lösungsansätze erfolgreich umsetzen kann, soll in Zukunft ein gemeinsames Projekt von K.I.O.S.K. und interessierten Stadtteilbewohnern sein.

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Foto: Petra Günnewig
In den nächsten 15 Jahren wird sich die Zahl der über 65jährigen auf mehr als 2000 vervierfachen.
 

Altengerechte Stadtteilentwicklung
Es ist offensichtlich geworden, dass sich gesellschaftliche Entwicklungen, wie sie sich in einer „alternden Gesellschaft“ ergeben, nicht mehr nur mit herkömmlichen Methoden der Altenhilfe bewältigen lassen. Traditionelle Netze verlieren durch veränderte Familien- und Sozialstrukturen zunehmend an Tragfähigkeit, aber über 90 Prozent der älteren Menschen leben in „normalen“ Wohnungen und dies wird auch in Zukunft die häufigste Wohnform im Alter sein.
Um den heutigen Anteil zu Hause lebender älterer Menschen angesichts der demographischen Entwicklung - der Anteil der über 65-Jährigen in Freiburg wird auf rund 30 Prozent im Jahre 2050 ansteigen (2005: 20,1 Prozent) - auch in Zukunft ein altengerechtes Wohnumfeld zu bieten, müssen erhebliche zusätzliche Anstrengungen unternommen werden. Bereits bis zum Jahre 2020 wird die Zahl der älteren Pflegebedürftigen um die Hälfte steigen. Für sie werden in Freiburg mehrere 1000 zusätzliche Heimplätze benötigt.

Das Rieselfeld als Vorreiter für einen altersgerechten Stadtteil?
Viele Stadtteile besitzen heute noch nicht die notwendigen Voraussetzungen. Ein barrierefreies Wohnumfeld, kommunikative und ruhige Orte zum Verweilen, den Bäcker um die Ecke, die Stadtbahnhaltestelle in fußläufiger Entfernung sowie eine stabile soziale und attraktive kulturelle Infrastruktur zeichnen einen altengerechten Stadtteil aus.
Gerade hier kann das Rieselfeld schon viel vorweisen und an eine positive Entwicklung anknüpfen. Vieles davon ist dabei durchaus nicht nur altengerecht, sondern letztlich auch generell Ziel einer am Menschen orientierten Gestaltung einer lebens- und liebenswerten Stadt. Nicht zuletzt durch die mittlerweile 15jährige Stadtteilarbeit von K.I.O.S.K. hat sich hier im Stadtteil ein urbanes Netzwerk entwickelt. Hier kann angeknüpft werden.
Zukünftige Wohnangebote sollten so gestaltet sein, dass man auch bei Hilfe- und Pflegebedarf dort wohnen bleiben kann. Es sind vor allem eintretende gesundheitliche Einschränkungen, die ältere Menschen dazu bewegen, im Alter noch einmal umzuziehen. Beispielsweise erschweren Schwellen im Eingangsbereich und zu hohe Treppen das Leben in ihrer derzeitigen Wohnung. Viele Barrieren können mit begrenztem Aufwand durch gezielte kleinere Umbaumaßnahmen bzw. im Rahmen von Modernisierungen beseitigt werden.
Eine barrierefrei gestaltete Wohnung oder ein barrierefrei gestaltetes Wohnumfeld allein reichen aber häufig nicht aus, um möglichst lange und zu überschaubaren Kosten in der vertrauten Wohnung leben zu können. Auch das Versorgungsangebot im Stadtteil muss so gestaltet werden, dass ein Umzug aus der eigenen Wohnung so lange wie möglich vermieden wird. Schließlich werden oftmals das Treppensteigen, Einkaufen, die Arbeit im Haushalt, die täglichen Besorgungen etc. im Alter beschwerlicher. Je attraktiver das Service-Angebot, desto besser.

Vision 1:
Hilfe und Teilhabe
Im Stadtteil könnten Orte der Kommunikation und der gemeinsamen Freizeitgestaltung entstehen oder weiter ausgebaut werden. Hier wird dann Beratung ebenso angeboten wie Tanz und Fitness oder Räume für Vereine und private Feiern (da dies ja im Glashaus bereits angelaufen ist, könnte dieser Bereich ausgebaut werden).
Personenbetreuung: „Helfen im Alltag“ ist ein neues Betreuungsangebot für Menschen, die nicht auf ein unabhängiges Leben in den eigenen vier Wänden verzichten wollen. Angefangen von der 24-stündigen Erreichbarkeit einer Betreuungszentrale, ein Betreuungsprogramm mit regelmäßigen Anrufen beim K.I.O.S.K., der Vermittlung von Dienstleistungen und häuslicher Pflege, einer Notrufkopplung über ein Sicherheitsarmband bis hin zu Bildtelefonieren über Fernsehen und Telefon mit Mitarbeitern der Servicezentrale. KI.O.S.K. arbeitet mit einer Vielzahl professioneller Dienstleister und ehrenamtlicher Helfer (hier gibt es ja bereits das Soziale Netz von 50+). Die Bewohner haben hierdurch die Möglichkeit, selbst bestimmt zu wohnen und bei Bedarf sämtliche Leistungen der benachbarten Seniorenzentren bis hin zur Kurzzeitpflege oder ambulanten Tagespflege zu nutzen.
Die Besonderheit des Angebotes wäre der im Vordergrund stehende persönliche Kontakt zwischen BewohnerInnen und Betreuungsdiensten. QuartiersarbeiterInnen begleiten die Projekte von K.I.O.S.K., organisieren auch das gemeinschaftliche Leben durch gesellige Aktivitäten wie z.B. gemeinsames Mittagessen, Spielenachmittage, Kaffee und Kuchen, etc. (Die Seniorengruppe Rieselfeld als Grundstock?). Mehrgenerationen-Wohneinheiten ins Leben rufen.

Vision 2:
Vernetzung im Stadtteil
Ein neues Modell der Selbsthilfe im Alter ist das Netzwerkmodell. Der Netzwerkgedanke versucht Menschen, ausgehend von den eigenen Interessenslagen und Bedürfnissen nach Kontakt, Unterhaltung und „Spaß“ in Kontakt mit anderen zu bringen und sie bei der Verwirklichung ihrer Interessen zu unterstützen. Mittel- bzw. langfristig wird damit ein Vorsorgemodell für das Alter initiiert, ein soziales Beziehungsnetz wird entwickelt, das den Wegfall familiärer, nachbarschaftlicher und anderer Beziehungen ausgleichen kann. Soziale Netzwerke verbessern die Lebenslagen der Menschen und wirken positiv in den Stadtteil hinein. Es ist erwiesen, dass Lebensqualität entscheidend von der Einbettung in soziale Netze und der Möglichkeit zur Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben bestimmt wird.
Das Engagement schließt auch Ältere und Hilfsbedürftige mit ein, die nicht aktiv im Netzwerk mitarbeiten. Zielgruppe sind Bürgerinnen und Bürger ab ca. 60 Jahren aus dem Stadtteil Rieselfeld. In dieser Zielgruppe befinden sich sowohl Menschen, die noch im Erwerbsleben stehen, als auch Vorruheständler und Rentner. Der räumliche Mittelpunkt des Netzwerkes könnte der Stadtteiltreff Glashaus sein und dient den Netzwerkmitgliedern als Anlauf-, Vermittlungs- und Begegnungsstätte. Hier könnte z. B. das monatliche Netzwerktreffen aller Gruppen, ein Netzwerkfrühstück sowie die Treffen der einzelnen Gruppen stattfinden.
Hauptamtlichen Netzwerkbegleiter unterstützen Interessierte beim Aufbau und beim Erhalt der sozialen Netze. Sie sind zuständig für die Beratung und Qualifizierung der Netzwerkmitglieder. Sie sind Ansprechpartner bei Organisations- und Koordinationsfragen sowie für neue am Netzwerk interessierte Personen. Darüber hinaus haben sie die Aufgabe, Kontakt zu anderen Trägern der Altenhilfe, zu Vereinen und Selbsthilfegruppen im Stadtteil aufzubauen und diese in mit einzubinden. Ein weiterer Aufgabenbereich ist die Öffentlichkeitsarbeit. Schließlich ist die Vernetzung mit vorhandenen Angeboten im Stadtteil von Bedeutung. Hier werden bereits bestehende Kontakte z.B. zu den Kirchengemeinden (50+), die Zusammenarbeit mit Pro Seniore (ein Seniorenvernetzungskreis gibt es bereits seit drei Jahren) genutzt, Angebote koordiniert und zugänglich gemacht.

Die Öffentlichkeitsarbeit findet neben der Pressearbeit aber vor allem über die Mund-zu-Mund-Propaganda der Mitglieder im Stadtteil, auf dem Wochenmarkt und in den Geschäften im Stadtteil statt.

Ausblick:
Diese Gedanken, diese Visionen würde ich gerne mit interessierten Bewohnerinnen und Bewohnern des Rieselfeldes im Jahr 2010 weiterentwickeln, egal welchen Alters, welcher Schicht oder Ethnie. Es besteht kein Zeitdruck, kein Zwang (….ich muss mich schon wieder engagieren..), sondern soll die Möglichkeit bieten sich mit seiner eigenen Situation auseinander zu setzten und auch mal zu träumen.

Wir im Rieselfeld können ja sehen, wie es in den letzten Jahren gelungen ist auf den verschiedensten Ebenen Engagement und soziales Miteinander zu organisieren und Gemeinschaft zu gestalten. Ab dem neuen Jahr werde ich mit Vorschlägen und Ideen an Sie herantreten, freue mich aber auch auf Rückmeldung von Ihnen,
Tel: 0761/7679562
E-Mail: stadtteilarbeit@rieselfeld.org
Angeregte Ferien und Feiertage wünscht
Clemens Back/K.I.O.S.K.

Clemens Back/K.I.O.S.K.

 


Aus der aktuellen Ausgabe Juni 2010
Juni 2010

Die nächste Ausgabe erscheint: September 2010
Redaktionsschluss: 22.08.2010


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